18. September 2026
Die NIN (SN 411000) ist die Norm, nach der in der Schweiz jede Elektroinstallation bis 1000 V erstellt und geprüft wird. Verbindlich ist sie nicht aus sich selbst, sondern weil Art. 3 NIV die anerkannten Regeln der Technik vorschreibt. Was in der NIN 2025 steht, was nicht, wer sie herausgibt und wie sie sich von NIV, Werkvorschriften und ESTI-Weisungen unterscheidet.
Die NIN ist die Niederspannungs-Installationsnorm SN 411000, herausgegeben von Electrosuisse, und sie regelt, wie elektrische Installationen bis 1000 V Wechselspannung und 1500 V Gleichspannung geplant, errichtet und geprüft werden. Verbindlich ist sie, weil die Niederspannungs-Installationsverordnung (NIV) in Art. 3 verlangt, dass Installationen «nach den anerkannten Regeln der Technik» erstellt, geändert, in Stand gehalten und kontrolliert werden — und als solche Regeln gelten «insbesondere die Normen von IEC und CENELEC», deren schweizerische Umsetzung die NIN ist. Die aktuelle Ausgabe ist die NIN 2025, in Kraft seit dem 1. Januar 2025. Wer sie anwenden muss, kauft sie: Die NIN ist keine Rechtsvorschrift, die der Bund kostenlos publiziert, sondern eine Norm, die bei Electrosuisse oder der Schweizerischen Normen-Vereinigung bezogen wird.
Die Niederspannungs-Installationsnorm ist die schweizerische Ausgabe der europäischen Harmonisierungsdokumente der Reihe HD 60364 des CENELEC, die ihrerseits auf den IEC-Normen der Reihe 60364 beruhen, ergänzt um die Besonderheiten der schweizerischen Praxis. Ihre offizielle Bezeichnung ist SN 411000; die ältere Bezeichnung SEV 1000 ist noch in vielen Unterlagen zu finden. Herausgeberin ist Electrosuisse, die Norm wird von deren Technischer Kommission für Elektroinstallationen erarbeitet und nachgeführt.
Der Zweck steht in der Norm selbst und auf jeder Seite, die Electrosuisse dazu veröffentlicht: der Schutz von Personen, Nutztieren und Sachwerten vor den Gefahren, die von einer elektrischen Installation ausgehen. Alles, was in der NIN steht — Schutzmassnahmen, Leitungsbemessung, Auswahl der Betriebsmittel, Prüfungen — dient diesem einen Ziel. Sie ist keine Planungshilfe und kein Lehrbuch, auch wenn sie mit den blau hinterlegten Erläuterungen streckenweise so gelesen werden kann.
Die NIN ist in acht Kapitel gegliedert, die dem Aufbau der HD 60364 folgen: Anwendungsbereich, Zweck und Grundsätze (1), Begriffe (2), allgemeine Merkmale der Installation (3), Schutzmassnahmen (4), Auswahl und Errichtung elektrischer Betriebsmittel (5), Prüfungen (6), Anlagen und Räume besonderer Art (7) und funktionale Aspekte (8). Das Kapitel 8 ist das jüngste: 8.1 behandelt die Energieeffizienz, und mit der Ausgabe 2025 kam 8.2 dazu, die kombinierten Erzeugungs- und Verbrauchsanlagen.
Eine Norm ist eine private Regel. Was sie in der Schweiz verbindlich macht, ist der Verweis in einer Verordnung des Bundesrats. Die NIV sagt in Art. 3 Abs. 1, dass elektrische Installationen nach den anerkannten Regeln der Technik erstellt, geändert, in Stand gehalten und kontrolliert werden müssen und «weder Personen noch Sachen oder Tiere gefährden» dürfen. Abs. 2 sagt, welche Regeln das sind: «insbesondere die Normen von IEC und CENELEC. Wo international harmonisierte Normen fehlen, gelten die schweizerischen Normen.» Und Abs. 3 schliesst die letzte Lücke: Wo keine spezifische Norm besteht, sind «sinngemäss anwendbare Normen oder allfällige technische Weisungen» zu berücksichtigen.
Das ist die ganze rechtliche Konstruktion. Die NIV nennt die NIN nicht beim Namen — sie nennt IEC und CENELEC, und die NIN ist deren Umsetzung für die Schweiz. Wer nach NIN baut, baut nach den anerkannten Regeln der Technik; wer davon abweicht, muss im Streitfall belegen, dass seine Lösung gleichwertig sicher ist. In der Praxis ist die NIN deshalb das Mass, an dem eine Installation gemessen wird: bei der Schlusskontrolle, bei der Abnahmekontrolle des unabhängigen Kontrollorgans, bei der Stichprobe des ESTI und vor Gericht.
Die Fussnote zu Art. 3 NIV sagt auch, wo man die Normen findet: Die Titel und Texte «können kostenlos eingesehen und gegen Bezahlung bezogen werden» bei der Schweizerischen Normen-Vereinigung SNV. Kostenlos einsehen heisst: vor Ort in Winterthur. Wer die NIN im Betrieb braucht, kauft sie — als Ordner, als NIN Compact oder als NIN Online mit Suchfunktion und laufenden Updates in Deutsch, Französisch und Italienisch.
Die NIN erscheint bisher im Fünfjahresrhythmus: 2010, 2015, 2020, 2025. Die NIN 2025 ist am 1. Januar 2025 in Kraft getreten. Electrosuisse nennt als Änderungen gegenüber der NIN 2020 aktualisierte Normenverweise auf die Harmonisierungsdokumente SN HD 60364, überarbeitete Grafiken, strukturelle Anpassungen und das neue Kapitel 8.2 «Kombinierte Erzeugungs- und Verbrauchsanlagen» — die Prosumer-Anlage, bei der ein Gebäude Strom erzeugt, speichert und verbraucht, mit besonderem Gewicht auf den Gleichstromseiten, die mit Photovoltaik, Speicher und Ladeinfrastruktur in jeden Neubau gekommen sind.
Zur NIN 2025 hat Electrosuisse inzwischen ein Corrigendum und ein Amendment veröffentlicht, beide als kostenlose Downloads. Das Corrigendum korrigiert Fehler, die «der Qualitätskontrolle vor der Veröffentlichung entgangen sind»; das Amendment enthält normative Änderungen. Wer mit dem gedruckten Ordner arbeitet, muss beides kennen — die Online-Version trägt sie automatisch nach.
Zur Übergangsfrist hält sich Electrosuisse bei der Ausgabe 2025 bedeckt. Bei der NIN 2020 galt für Neuanlagen und Änderungen bestehender Anlagen eine Übergangsfrist bis zum 30. Juni 2020, und für ein einzelnes Kapitel zu Baustelleninstallationen hat das ESTI die Frist damals verlängert. Wer heute eine Anlage nach NIN 2020 fertigstellt, die vor 2025 geplant und begonnen wurde, sollte das mit dem Kontrollorgan klären, bevor der Sicherheitsnachweis ausgestellt wird — nicht nachher.
Vier Dinge werden regelmässig in der NIN gesucht und stehen woanders:
Und umgekehrt: Der Inhalt der Erstprüfung, die Art. 24 NIV verlangt, steht nicht in der Verordnung, sondern — so das ESTI in der Weisung 220 — «ergibt sich aus Kapitel 6.1 NIN». Die fünf Kontrollen, die der Sicherheitsnachweis zwingend belegen muss, nennt die V-UVEK; wie sie durchgeführt werden, steht in der NIN. Die beiden Beiträge «Erstprüfung, Schlusskontrolle, Abnahmekontrolle» und «Mess- und Prüfprotokoll» zeigen, wie Verordnung und Norm dort ineinandergreifen.
Wer in der Schweiz Elektroinstallationen ausführt, arbeitet mit vier Regelwerken, die sich an der Fachbezeichnung unterscheiden lassen:
| Regelwerk | Absender | Was es regelt |
|---|---|---|
| NIV (SR 734.27) | Bundesrat | Wer installieren darf, welche Kontrollen und Nachweise Pflicht sind, wie oft |
| NIN (SN 411000) | Electrosuisse | Wie eine Installation sicher gebaut und geprüft wird |
| Werkvorschriften WV CH | Netzbetreiberinnen (VSE) | Anschluss ans Netz, Messung, Netzrückwirkungen, Meldeformulare |
| ESTI-Weisungen | Eidgenössisches Starkstrominspektorat | Auslegung der NIV im Einzelfall: Meldepflichten, Energieerzeugungsanlagen, Bewilligungen |
Die Verordnung ist kostenlos auf fedlex.admin.ch, die ESTI-Weisungen auf esti.admin.ch, die Werkvorschriften auf werkvorschriften.ch. Die NIN ist das einzige der vier, das gekauft werden muss — und das einzige, das sagt, wie ein Stromkreis tatsächlich gebaut wird.
Ist die NIN gesetzlich verbindlich? Nicht aus sich selbst. Verbindlich ist Art. 3 NIV, der die anerkannten Regeln der Technik vorschreibt und dafür auf die Normen von IEC und CENELEC verweist. Die NIN ist deren schweizerische Umsetzung, und wer sie einhält, erfüllt Art. 3 NIV. Wer davon abweicht, muss die gleichwertige Sicherheit seiner Lösung selbst belegen.
Seit wann gilt die NIN 2025? Seit dem 1. Januar 2025. Electrosuisse hat dazu ein Corrigendum und ein Amendment als kostenlose Downloads veröffentlicht; die Online-Version enthält beides.
Wo kann ich die NIN kostenlos lesen? Bei der Schweizerischen Normen-Vereinigung SNV in Winterthur kann sie eingesehen werden; bezogen wird sie gegen Bezahlung bei der SNV oder bei Electrosuisse, gedruckt oder als NIN Online. Auszüge im Internet sind weder vollständig noch verlässlich.
Stehen die Kontrollperioden in der NIN? Nein. Die Kontrollperioden stehen im Anhang der NIV. Die NIN regelt, wie geprüft wird, nicht in welchem Abstand.
Quellen: Niederspannungs-Installationsverordnung (NIV, SR 734.27), Art. 3 mit Fussnote 11, Art. 23 und 24 sowie Anhang, Stand 31. Oktober 2025, fedlex.admin.ch. Electrosuisse, «NIN 2025», «Corrigendum NIN 2025» und Produktseiten zur NIN, electrosuisse.ch, abgerufen am 18. September 2026. EIT.swiss, «Normen», eit.swiss, abgerufen am 18. September 2026. ESTI, Weisung Nr. 220 «Anforderungen an Energieerzeugungsanlagen», Version 0621, Ziffer 6. Dieser Beitrag gibt den Inhalt der Norm nicht wieder; massgebend ist der Text der SN 411000 in der jeweils gültigen Ausgabe.
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